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Heide hat Politik und Geschichte studiert und arbeitet als Chefin vom Dienst bei einer Autozeitschrift. Im Seminar beschließt sie, den Bürostuhl gegen einen Sitz im Geländewagen einzutauschen und Försterin zu werden. Erst bittet sie ihre Freunde, nicht über den neuen Berufswunsch zu lachen. Das stellt sie aber bald ein, weil ohnehin keiner lacht.
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Heide kontaktiert mehrere Revierförster und -försterinnen sowie einen Beamten im höheren Forstdienst. Alle sind freundlich, offen und bieten ihr an, den Beruf näher kennen zu lernen. Heide kauft sich Gamaschen und Trekkingstiefel. Nur mit Jeans kommt man nicht so gut durchs Unterholz.
Wenige Wochen nach dem Seminar begleitet Heide mit 38 Jahren zum ersten Mal drei Tage eine Försterin im Wald. Sie ist selbst Quereinsteigerin und zeigt ihr, wie man eine Durchforstung angeht, Rückegassen auszeichnet, Vollernter einsetzt (Maschinen, die Bäume packen, absägen, umknicken und zersägen können) und die Spuren der großen Maschinen im Wald wieder beseitigt. "Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, ich kann richtig arbeiten und eine Sache von A bis Z durchziehen. Es klingelt nicht dauernd das Telefon, und es wollen auch nicht 20 Redakteure gleichzeitig etwas von mir. Den Duft und die Geräuschkulisse des Waldes gibt's gratis dazu."
Das nächste Praktikum verspricht noch ein Highlight: Heide möchte unbedingt einen Hund. Zum Glück ist der Praktikumsförster in der Jagdhundausbildung aktiv. Vielleicht kann sie von ihm lernen, wie sie ihren Hund später selbst ausbilden kann. Ins Auge gefasst ist ein Kleiner Münsterländer.
Mitten im Praktikum schickt Heide folgende Mail:
"Meine Tage sehen so aus, dass ich um 4:45 aufstehe,
dusche, frühstücke, meine Ausrüstung richte, meinen
Proviant inkl. Thermoskanne zurechtmache, um dann
um 6:10 gen Forsthaus aufzubrechen. Da treffen sich
dann Förster, Forstwirtschaftsmeister, Forstwirt
(= Waldarbeiter) und vier Azubis um 7 Uhr und besprechen,
was so anliegt. Dann bin ich von ca. 7:30 bis irgendwas
zwischen 15:30 und 19:30 im Wald auf den Fersen
des Försters.
Ganz erstaunlich finde ich übrigens, dass da auch Frauen
zu Waldarbeitern ausgebildet werden, eine Ausgelernte
habe ich kennen gelernt. Erstaunlich deshalb, weil
Forstwirt neben Bergmann zu den schwersten und
gefährlichsten Berufen überhaupt gehört und auch
körperlich wirklich sehr anstrengend ist, das ist mit
Polizei oder Feuerwehr meines Erachtens nicht zu
vergleichen.
Allerdings geht das Praktikum auch an die Grenzen
meiner körperlichen Belastbarkeit. Der Förster hat einen
Schritt am Leibe, das ist unglaublich. Alleine an ihm
dranzubleiben, wenn er irgendwo mitten durch
die Botanik marschiert, ist also schon eine echte
Herausforderung. Neulich haben wir eine hohe
Ansitzleiter (Leiterlänge ca. 5 m) zusammengebaut,
meine Tagesbilanz bestand aus ca. 60 eingeschlagenen
13-cm-Nägeln und noch wohl 20 10-cm-Nägeln. Daraufhin
hatte ich zwei nette Blasen an der rechten Hand und tierischen
Muskelkater in den Oberschenkeln, von dem dauernden
Hinhocken und Wieder-Aufstehen. Aber was uns nicht umbringt,
na, Sie wissen schon... Normalerweise baut der diese Dinger allein
zusammen. Unglaublich. Motorsäge, Hammer, Nägel, etwas
Schnittholz und auf geht's. Nur allein in den Wald tragen kann
er die noch nicht ...
Im Moment kirren wir wie die Weltmeister (Kirren = Wildschweine
an gewisse Plätze binden durch regelmäßiges Ausbringen von ein
paar Händen voll Mais, die mit Holzscheiben abgedeckt werden,
damit nur die Schweine und keine anderen Tiere rankommen). Der
Königsforst liegt in einem 10-km-Radius um einen Fall von
Schweinepest beim Schwarzwild und ist deshalb gefährdeter Bezirk.
Wir bringen nun an den Kirrplätzen Impfköder aus und vergraben
die mit der Wiedehopfhaue. Die Köder sind kleine viereckige Blister
mit flüssigem Impfstoff, umhüllt von einer auf Mais basierenden
Ködermasse, die nach Bittermandel riecht. An den Folgetagen müssen
wir dann die leeren oder auch nicht leeren Blister suchen (ist wie
Ostereiersuchen auf der Wiese), um zu ermitteln, wie viele Köder
wir ans Schwein bringen konnten.
Neulich war das ganz witzig, weil wir an zwei aufeinander folgenden
Tagen an einer Kirrung die Wilduhr (eine Art Bewegungsmelder, der
die Uhrzeit aufzeichnet) zur fast exakt gleichen Tageszeit ausgelöst
vorfanden. Am dritten Tag sind wir dort vormittags zum Kirren
gewesen, haben nachmittags einmal kontrolliert (weil wir halt wissen
wollten, ob's wirklich Tiere sind, und wenn welche), da war die
Kirrung noch unberührt. Anderthalb Stunden später standen wir
auf einer vom Holzverladen verdreckten Wegekreuzung und machten
die sauber, als der Förster sah, wie zwei Bachen und jede Menge
Frischlinge über die Straße wechselten. Messerscharf schloss der
Förster: Ja, die gehen da durch die Dickung und dort durch die
Brombeeren und dann auf diesen bestimmten Kirrplatz, da fahren
wir gleich nochmal hin zum Gucken. Gesagt, getan, langsam zur
Wiese mit dem Kirrplatz gelaufen, auf den Hochsitz geklettert,
und -- jawoll, da konnten wir eine ganze Weile lang in aller
Gemütsruhe sogar drei schwache Bachen mit 15 Frischlingen
beobachten (..) "
Im Februar 2009 war Heide im Seminar. Im Juli darauf erscheint ein Artikel über sie im Focus. Eine weitere Woche später bekommt sie die Zusage für ihren Studienplatz an der FH und zieht nach Göttingen.
Ihr erstes Semester schließt sie im Februar 2010 als Beste ihres Jahrgangs ab. Daraufhin schlägt sie der Studiendekan für ein Stipendium vor, für das sie eigentlich zu alt ist. Heide arbeitet inzwischen als Tutorin für Biometrie an der Fachhochschule.
Nach einem Jahr Studium geht Heide zurück zu ihrem Praktikumsförster, um ein paar Tage mit ihm im Wald zu arbeiten. Hier ihr Tagebuchauszug.
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