Lernen on Demand
Schulen, Universitäten und Weiterbildungsinstitute haben elektronische Konkurrenz bekommen: Computer Based Training (CBT) und Internet Based Training (IBT). Mit entsprechender Hard- und Software kann jeder, der sich weiterbilden will, Buchhaltung von einer interaktiven CD-Rom lernen, Trainingsprogramme für Vertriebskräfte aus dem Internet herunterladen und an Online-Seminaren zum Thema umweltverträglicher Tourismus teilnehmen.
Der Vorteil: E-Learning macht Wissen, Bildung und Training unabhängig von Zeit und Ort. "Auch allein erziehende Mütter oder Schichtarbeiter, die nicht regelmäßig zur Volkshochschule gehen können, erhalten so Zugang zu Weiterbildung – und damit die Möglichkeit, ihre berufliche Situation zu verbessern", sagt Michael Hüppe, Leiter Neue Medien beim Fachverlag für Erwachsenenbildung Cornelsen. "Selbst als vielbeschäftigter Manager können Sie im Flugzeug oder in der Mittagspause sich neues Wissen aneignen und Gelerntes trainieren."
Auch die Deutsche Stiftung für Internationale Entwicklung setzt in ihrem Programm Global Campus 21 auf E-Learning. Mit im Boot sind Inwent (früher Carl-Duisberg-Gesellschaft) und die Teleakademie der Fachhochschule Furtwangen. Studienleiter Dr. Thomas Jechle und seine Kollegen arbeiten dort an einem Programm Mining and the environment: "Unsere Teilnehmer kommen aus verschiedenen südafrikanischen Staaten und werden per E-Studium zu Instructional Designern ausgebildet", erklärt Jechle. Diese entwickeln später Kurse, mit denen afrikanischen Minenbetreiber im Umweltschutz unterrichtet werden.
Die Idee ist ausbaufähig: Landwirte in Namibia können einen Lehrgang in Schädlingsbekämpfung am agrarwissenschaftlichen Institut einer amerikanischen Universität belegen. Computer und Telefonleitungen in der örtlichen Entwicklungshilfestation vorausgesetzt. Mit Kamera und Scanner können sie Fotos von befallenen Pflanzen ins Netz stellen und internationale Experten um Beurteilung und Rat bitten. Ein russischer Augenarzt kann eine Operation per Webcam ins Internet übertragen und anschließend die Möglichkeiten neuer Lasertechniken mit angehenden Augenärzten aus der ganzen Welt diskutieren – trotz Distanz und Zeitverschiebung. "Durch E-Learning wird es ganz normal, kontinuierlich über Kulturgrenzen hinweg zu lehren und zu lernen. Viele werden zum ersten Mal erleben, was Internationalität bedeutet", sagt Christa van Winsen, Autorin des Fachbuchs "E-Training – Weiterbildung aus dem Netz".
Die Unternehmensberaterin ist davon überzeugt, dass das Online-Teaching auch neue Herausforderung an die Dozenten stellt. Schließlich reiche es im virtuelle Seminarraum nicht aus, sich auf Status und rhetorische Fähigkeiten zu verlassen. Statt dessen sind Sensibilität gegenüber unterschiedlichen Kulturen und Fern-Hilfe bei Schwierigkeiten mit den Aufgaben oder bei Motivationslöchern gefragt. "Ein schlechter Dozent braucht gar nicht erst online zu gehen. Er bleibt schlecht. Aber ein guter Dozent hat die Chance, auch ein guter Online-Dozent zu werden, wenn er sich die Qualifikation dafür schafft."
Doch auch für die deutschen Unternehmen ist das Lernen aus dem Netz ein großes Thema. Schließlich gibt die deutsche Wirtschaft jährlich über 17 Milliarden Euro für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter aus. Immer neue Technik und immer neue Organisationsformen erfordern kontinuierliche Weiterbildung. Neben technischen Finessen werden Zeitmanagement, Fremdsprachen, Qualitätssicherung, Prozessverbesserung, Umweltschutz, Arbeitssicherheit, Betriebswirtschaft, Führung und Verhalten gelernt.
Neben den traditionellen Weiterbildungsseminaren bieten viele Unternehmen ihren Mitarbeitern E-Learning-taugliche Arbeitsplätze. "Bei uns hat jeder ein CD-Rom Laufwerk, Mikrofon und Kopfhörer, damit er sich unkompliziert Wissen aneignen kann", berichtet Günter Koch, zuständig für das Seminarprogramm der Schering AG. Andere Unternehmen haben Selbstlernzentren für ihre Mitarbeiter aufgebaut. Viele studieren dort aus Eigeninteresse, außerhalb der Arbeitszeit. Neben Fremdsprachen und EDV-Anwendungen wie Power Point und Access, wird dort je nach Branche Fachwissen vermittelt, in einem technischen Betrieb zum Beispiel die Grundlagen der Hydraulik, Pneumatik und Elektrotechnik. In einer Werbeagentur dagegen bieten elektronische Fotokurse die Möglichkeit auszuprobieren, mit welcher Blende und welcher Brennweite welche Schärfentiefe erzielt wird – ohne teures Filmmaterial zu verschießen.
Digitale Lernassistenten können schon bald mit individuellen Weiterbildungsangeboten locken: Registriert der PC eines Vertriebsmitarbeiters regen Email-Austausch mit einem chinesischen Kunden, so kann das Programm von sich aus anbieten, eine kleine Einführung in chinesische Kultur, Sprache und die Gepflogenheiten des Geschäftslebens zu geben. Neben den Informationen über Land und Leute kann der Anwender sich durch Links zu anderen Seiten durchklicken. Von einem Sprachlernprogramm Mandarin gelangt er auf die Seiten von Fachleuten, die sich mit chinesischen Dialekten beschäftigen, von dort in ein wirtschaftswissenschaftliches Institut in Peking, in ein Museum für asiatische Kunst und später auf die Seiten einer chinesischen Exilcommunity. Ein Problem für Leute, die sich beim Lernen gern ablenken lassen.
E-Learning wird auch zur Vorbereitung von Präsenzschulungen eingesetzt. "Die Mitarbeiter können sich im Intranet vorab die Grundlagen aneignen, damit sie im Seminar alle auf dem selben Stand sind und der Trainer nicht immer bei Null anfangen muss", erklärt Koch von Schering. Neben den Angeboten für die Belegschaft (Sprachen, Qualitätssicherung, Betriebswirtschaft) entwickelt das Pharmazieunternehmen elektronische Weiterbildungskonzepte für Führungskräfte, mit denen beispielsweise Naturwissenschaftler in Sachen General Management fit gemacht werden. Für Koch hat das einen zentralen Vorteil: "E-Learning verlangt Aktivität und Initiative vom Lernenden. Da kann man sich nicht einfach zurücklehnen und vom Lehrer unterhalten lassen."
Neben der räumlichen und zeitlichen Flexibilität bestimmt der Anwender beim E-Learning selbst, wie schnell und wie tief er lernen will. Wer langsamer lernt, muss nicht sofort in Konkurrenz mit anderen treten und kann sein eigenes Tempo bestimmen. "Wenn jemand nach einem Seminar zum Thema Mitarbeiterführung noch einmal die Themen Zielvereinbarung und Feedback vertiefen möchte, kann er auf unserer CD-Rom nachschauen", so Koch.
Darüber hinaus kann E-Learning auch als trocken verschrieene Themen attraktiv machen. Wer beispielsweise sein großes Latinum nachholen möchte, muss nicht mehr die Ars Latina und den Stowasser wälzen. Lernsoftware bietet Animationen von Cicero vor dem römischen Senat. Wie in einem Computerspiel kann der Anwender per Mausklick, Tastatur oder Mikrofon in die Handlung eingreifen. Zusätzlich kann er sich Vorlesungen über den Bau des Colosseums anhören oder eine Neuinszenierung von Cäsar und Kleopatra live im Internet verfolgen. Ums Büffeln allerdings kommt niemand herum: Onlinetests überprüfen Vokabel- und Grammatikkenntnisse. Für eine korrekte Aussprache sorgen Audiodateien.
Damit der Lernende sich nicht alleingelassen fühlt, wird in virtuellen Seminarräumen interpretiert, diskutiert und auch geplaudert. In Chatrooms und Desktop-Videokonferenzen sitzen die Schüler zur selben Zeit (synchron) und in Diskussionsforen und beim Email-Austausch zeitversetzt (asynchron) am Rechner und kommunizieren. Im Gegensatz zum klassischen Fernstudium können die Teilnehmer eines virtuellen Lernnetzwerks im Team arbeiten. Lernplattformen bieten shared work spaces, in denen die Mitglieder Dateien abholen, verändern und zurücklegen können. Theoretisch können fünf Architekturstudenten rund um die Uhr gemeinsam an einem Plan zeichnen. Manchmal arbeiten drei zusammen an einem Turm, manchmal arbeitet einer allein, während die anderen schlafen.
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