Individuelle
Berufsfindung

Interview

Frage: Frau Glaubitz, Sie bieten seit einigen Jahren mit großem Erfolg Workshops zur Berufsfindung an – unter anderem auch für Studenten und Hochschulabsolventen. Warum tun sich viele Menschen mit der Entscheidung für eine bestimmte Tätigkeit so schwer, dass sie ein Seminar dazu brauchen?

Uta Glaubitz: Die meisten Leuten sind von kleinauf gewöhnt, dass ihre beruflichen Wünsche nicht gefördert werden. Wer als Kind seinen ersten Berufswunsch äußert mit "Ich werde mal Balletttänzerin" oder "Ich werde mal Astronaut", kriegt meistens zu hören "Du spinnst ja, das ist überhaupt kein richtiger Beruf, damit kann man kein Geld verdienen." Entweder man ist dann schon frustriert oder man entwickelt im Laufe der Jahre noch ein paar Ideen, die aber von Freunden, Verwandten, Lehrern und Arbeitsamtberatern ähnlich kommentiert werden. Kein Wunder also, dass sich irgendwann im Gehirn festsetzt: "Meine Wünsche sind in dieser Welt überhaupt nicht gefragt." Das blockiert.

Frage: Sie raten ausdrücklich davon ab, sich bei der persönlichen Berufsfindung primär daran zu orientieren, wo auf dem Arbeitsmarkt zukünftig "die besten Chancen" gesehen werden. Warum? Ist das nicht gewagt?

Uta Glaubitz: Dass es in einem Beruf möglicherweise irgendwann gute Chancen gibt, bedeutet noch lange nicht, dass dieser Beruf zu einem passt. Was hat man denn von einem chancenreichen Studium, wenn man unglücklich ist und nach ein paar Jahren mit Magengeschwüren im Krankenhaus liegt? Außerdem weiß natürlich niemand, welche Jobs in 5 Jahren gute Chancen haben. Und wenn es jemand wüsste und alle auf ihn hörten, wäre dieser Job später total überlaufen. Vergessen Sie das Gerede von zukünftigen Chancen. Oder glauben Sie, Gerhard Schröder ist Bundeskanzler geworden, weil ihm das ein zukunftssicherer Job schien? Oder dass Tina Turner Sängerin wurde, weil sie da viele Chancen sah? Trotzdem müssen die beiden heute bekanntermaßen nicht zum Sozialamt gehen.

Frage: Eine klare Vorstellung seines "Traumjobs" zu haben ist das eine, ihn auch zu bekommen etwas anderes. Wie stellt man das an?

Uta Glaubitz: Wer von seiner Sache begeistert ist, hat es leicht, andere zu überzeugen. Fragen Sie sich doch selbst einmal, wen Sie einstellen würden: eine Trantüte, die irgendwelchen vermeintlich sicheren Jobs hinterherrennt; oder jemand, der von seiner Sache begeistert ist.

Des weiteren: Am Anfang ist es wichtig, sich bekannt zu machen. Wer Manager einer Rockband werden will, kann sich gleich eine Band suchen, die er bei Auftritten, Studioaufnahmen und bei der Vermarktung unterstützt. Wer Kabarettist werden will, kann seine ersten Versuche im offenen Kanal oder auf einer Kleinkunstbühne starten. Auch die größte Karriere beginnt mit einem kleinen Schritt. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, wird man auch auf Sie aufmerksam werden und mit Arbeitsangeboten auf Sie zukommen. Dazu muss die Welt aber erst einmal erfahren, dass Sie überhaupt existieren.

Frage: Geistes- und Sozialwissenschaftler haben es nach wie vor auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht. Sehen Sie auch hier noch Nischen auf dem Arbeitsmarkt? Was für Berufsideen entwickeln Ihre Seminarteilnehmer?

Uta Glaubitz: Die richtige Berufsidee ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Da kann man nichts Allgemeines sagen. Ein paar Beispiele sind: Eventmanager, Kinderbuchautor, Leiterin von Anti-Rauch-Trainings, Stilberater, Survivaltrainerin, Yogalehrer, Lifestylereporterin, Snowboarddesigner, Tierfilmerin, Ideenscout, Talkshowmoderator, Künstleragent, Kommunikationstrainerin, Buchkritiker und so weiter, alles Berufe, die man als Geistes- oder Sozialwissenschaftler ergreifen kann. Für den Erfolg solcher Ideen ist nicht so sehr der Arbeitsmarkt entscheidend, sondern vielmehr, mit welcher Strategie und welcher Energie der Berufssuchende seine Sache angeht.

Frage: Ihr persönlicher Tipp an alle, die der Jobsuche mit Bauchschmerzen entgegen sehen?

Uta Glaubitz: Bauchschmerzen sind der schlechteste Ratgeber von allen, noch schlechter als manche Eltern. Schauen Sie auf Ihr Leben, was Ihnen Spaß macht, was Sie motiviert, was Ihnen wichtig ist. Fragen Sie sich, was das für Ihren Beruf bedeutet. Und schicken Sie Ihre Ja-Aber Freunde und Freundinnen zum Mond......


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