Soll man sich lieber auf ein Ziel festlegen oder möglichst alle Optionen offenhalten?
Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihr berufliches Ziel in einen Computer ein und starten ein Programm, mit dem der Computer automatisch einen Weg findet, dieses Ziel auch zu erreichen. Das hört sich gut an? So einen Computer besitzen Sie bereits – es ist Ihr Gehirn. Wenn Sie Ihrem Gehirn ein klares Ziel vorgeben, wird es auch einen Weg finden, dieses Ziel zu erreichen. Genau dafür wurden wir von Geburt an mit grauen Zellen ausgestattet. Bleibt Ihre Software jedoch ohne klare Zielvorgabe, kann sie keinen Lösungsweg finden.
„Ich will etwas mit Medien machen" ist dabei noch keine konkrete Zielsetzung. Was genau wollen Sie machen? Schreiben, Filmen, Malen? Was sind Ihre Themen? Für wen wollen Sie publizieren? Legen Sie fest, über was Sie berichten wollen, was Ihr Medium ist und welche Zielgruppe Sie erreichen möchten. Was ist Ihre Mission (wenn Sie so wollen)?
Spezialisieren Sie sich!
Ohne ein konkret eingegrenztes Ziel wird in der Berufsfindung nichts rechtes zuwege gebracht. Daher geht es in diesem Buch auch darum, ein ganz eigenes und spezielles Betätigungsfeld für Sie zu finden. Oft ist die Spezialisierung einer Journalistin, eines Fotografen oder Rechtsanwalts der Schlüssel zum persönlichen Erfolg. Zur Illustration: Angenommen, Sie werden nach einer harmlosen Blinddarm-Operation das Gefühl nicht los, der Arzt hätte den Tupfer in Ihrer Bauchhöhle vergessen. Sie suchen nun einen Rechtsanwalt, der den Fall übernimmt. Dabei wenden Sie sich vermutlich nicht an irgendeinen, sondern fahnden gezielt nach einem Anwalt, der sich mit medizinischen Fällen auskennt.
Dasselbe gilt für viele Tätigkeiten: Ein Verlag, der für die Bebilderung eines Buchs über moderne Architektur einen Fotografen sucht, wird den Auftrag an einen Spezialisten für Architekturfotografie vergeben. Ebenso zieht ein Textilunternehmen, das Astronautenanzüge entwickelt, einen Ingenieur mit genau diesem Schwerpunkt allen anderen Bewerbern vor. Ein Magazin, das ein Sonderheft über Chancen und Risiken der Gentechnik herausgeben möchte, begibt sich auf die Suche nach einem Redaktionsbüro mit naturwissenschaftlicher Spezialisierung.
Herkömmliche Berufsratgeber empfehlen oft das Gegenteil einer Spezialisierung: „Bleiben Sie flexibel, legen Sie sich nicht zu sehr fest, und halten Sie sich möglichst viele Optionen offen." Diese Strategie birgt jedoch einen entscheidenden Nachteil: Als jemand, der sich alle Möglichkeiten offenhält, werden Sie bei Ihrer Bewerbung stets auf viele andere Bewerber treffen, die sich ebenfalls alle Optionen offengehalten haben. Arbeitgeber suchen aber nicht Leute, die sich alle Optionen offen halten, sondern Arbeitskräfte, die für ein ganz bestimmtes Problem in Ihrem Betrieb, Ihrer Redaktion oder Agentur eine Lösung anbieten können.
Viele Berufssuchende kostet es Kraft und Überwindung, die lange gepredigte Haltung der 'möglichst vielen Optionen' abzuschütteln und durch eine persönliche Spezialisierung zu ersetzen. Doch in der Spezialisierung liegt eine große Chance: auf diesem Gebiet zum anerkannten Experten zu werden und so am verstopften Arbeitsmarkt vorbei erfolgreich zu sein.
Das bedeutet: für den beruflichen Erfolg ist es notwendig, sich ein klares professionelles Profil zuzulegen. So zeigen Sie Ihrem zukünftigen Arbeitgeber, warum er sie einstellen soll.
Beim Suchen nach einer geeigneten Spezialisierung dienen die eigenen Wünsche und Fähigkeiten als Wegweiser, aber auch persönliche Erlebnisse oder Bezugspersonen. Suchen Sie sich daher innerhalb eines Tätigkeitsgebiets eine Spezialisierung oder eine Zielgruppe, auf die Sie wirklich Lust haben. Werden Sie zum Experten auf Ihrem persönlichen Spezialgebiet. Ihr Fachwissen muss so gut sein, dass Ihr zukünftiger Arbeitgeber oder Ihre zukünftigen Kunden gar nicht darauf verzichten können.
Beispiele für eine gelungene Spezialisierung:
* Software-Entwicklung für den Betrieb von Sportanlagen
(Motivation: wollte früher Leistungssportler werden)
* Kunsthandwerksfotografie
(Motivation: der Berufswunsch Goldschmiedin wurde durch eine Allergie vereitelt)
* Technischer Zeichner auf antiken Ausgrabungsstellen
(Traumberuf: Archäologe)
* Werbeagentur für Rechtsanwälte
(Motivation: hat lange und gerne als Aushilfe in einer Kanzlei gearbeitet)
* Gestaltung von Werbeauftritten für die die Ökobranche
(Motivation: privates Interesse an Naturkosmetik)
* Rechtsanwalt für Streitfälle rund um gefälschte Kunstgegenstände
(Motivation: private Kunstsammlung)
* Psychologin für Strafverteidiger, die unter ihren berufsspezifischen Belastungen leiden
(Motivation: durch Engagement in der Gefangenenbetreuung Kenntnisse der psychischen Belastung von Strafverteidigern)
* Spezialist für integrative Musikprojekte für Behinderte und Nicht-Behinderte
(Motivation: spielt in einer Rockband)
* Kamerafrau für Tanzfilme
(Motivation: war früher Tänzerin)
* Textilingenieur für Raumfahrtanzüge
(Motivation: Faszination Raumfahrt)
Konzentration statt Einschränkung
Eine besondere Spezies Berufssuchender plagt ein weiteres Problem: sie empfinden jede Spezialisierung als Einschränkung ihrer Möglichkeiten. „Wenn ich mich für die Schneiderei von Disney-Kostümen entscheide, dann kann ich nicht mehr mit Holz arbeiten, nicht mit Metallen und nicht mehr mit Ton, sondern immer nur mit Stoff", klagte eine vielseitig begabte Abiturientin. Dazu folgender Rat: Werten Sie eine Spezialisierung nicht gleich als Einschränkung Ihrer Möglichkeiten, sondern als Konzentration auf das, was Sie am besten können. Sind Sie damit erst einmal erfolgreich, spricht nichts dagegen, sich noch einmal in alle Richtungen umzuschauen und möglicherweise Kurskorrekturen vorzunehmen. Wer sich jedoch von vornherein alle Möglichkeiten offenhält, wird sich letztendlich selber auf den Füßen stehen. So wie jemand, der versucht, ein guter Abwehrspieler, ein guter Stürmer und ein guter Torwart zu sein. Und sich nachher wundert, dass er keinen Platz in der Nationalmannschaft bekommt.
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