Individuelle
Berufsfindung

Der Tagesspiegel
vom 5. Februar 2000

"Meeting the best"

Stellen wir uns doch einmal vor: Matthias Horx, Ex-Redakteur des eingestampften Lifestyle-Magazins Tempo, sitzt in Hamburg an seinem Schreibtisch und überlegt, wie er mit spacigen Wortschöpfungen eine Bombe à la Sloterdijk einschlagen lassen kann. Technologischer Wandel und ökonomische Erneuerung, ökologische Zukunft und Auswirkungen der Globalisierung - sind das nicht die Themen, die Deutschland in zwei Lager spalten? Hier das Comeback des "technisch orientierten, euphorischen Utopismus", dort das Reden über "Zukunft als Angstdiskurs". Genau, mit Begriffen wie "emotionally understandable", "socially acceptable" oder "humanly possible" lassen sich Millionen scheffeln. Aber wer kann mich, Bestsellerautor und Deutschlands Zukunftsforscher Nummer Eins, bezahlen?

Microsoft fällt weg, weil Bill Gates vom Ruhm des deutschen Zukunftsforschers noch nie etwas gehört hat. DaimlerChrysler ist wohl auch nicht der richtige Einfall. Alleinherrscher Jürgen Schrempp hat genügend Probleme in der Gegenwart zu lösen. Aber ist da nicht dieser Wolfsburger Konzern mit der erfolgreichen Coaching-Tochter? Die bestreitet ihren 193-Millionen-Mark-Umsatz mit Managemententwicklung, Consulting, Personalforschung und Ideenmanagement. Nach eigenen Angaben organisiert die VW-Tochter pro Jahr rund 2 500 Veranstaltungen mit 30 000 Teilnehmern. Genau der richtige Partner für einen Zukunftsforscher mit Ambition.

Gedacht - gemacht. Vom 30. März bis 1. April wird die Volkswagen Coaching "Verantwortliche aus Unternehmen und Gesellschaft" als Teilnehmer einer "ganzheitlich orientierten Zukunftskonferenz" unter dem Motto "Meeting the best" in Berlin begrüßen. Die Unterzeile "Die Zukunft gehört denen, die sie gestalten" macht Mut und deutet an, wer sich angesprochen fühlen und den Teilnehmerbeitrag von 4 600 Mark plus Mehrwertsteuer entrichten soll: Manager, Berater, Verbandsvertreter und Künstler.

Das Problem: Matthias Horx konnte nicht persönlich aus Hamburg anreisen, um am vergangenen Donnerstag die Hauptstadtpresse von der Unverzichtbarkeit eines "Future Sense" zu überzeugen. Er überließ drei Managern der Volkswagen-Caoching-Chefetage die Aufgabe, die Grundbegriffe seines "konstruktiven Optimismus" zu erläutern: "Ein grundsätzlich erwachsener Ansatz von Wirklichkeitsbejahung und Chancenorientierung, der das Worst-Case-Denken zugunsten eines evolutionären Zukunftsbildes überwindet." Die Überwindung selbst erfolgt in verschiedenen Sphären, angelehnt an Horx' jüngstes Werk "Die acht Sphären der Zukunft - Ein Wegweiser in die Kultur des 21. Jahrhunderts" (Signum Verlag, Wien 1999, 48 Mark): SocioSphere, BodySphere, KnowledgeSphere, TechnoSphere, ConsumerSphere, EconoSphere und PolitoSphere.

Stellt sich die Frage, was genau die "Sphären der Zukunft" von vergangenen Sphären unterscheiden könnte. Auch dass die Veranstaltung durch eine "Kreative Pause" mit "Cybern, Surfen und Relaxen" einen atmo-sphärischen (pardon: atmo-spheric) Höhepunkt erhalten wird, bleibt nur eingeschränkt nachvollziehbar. Nicht wirklich schlimm, denn wenigstens das Wort Internet wurde beim Pressefrühstück im Automobil Forum Unter den Linden oft genug und mit besonderer Andacht ausgesprochen, um sich als brandheißes Thema für Zukunftsexperten zu qualifizieren.

Die VW-Coaching, die für die Vorbereitung der Konferenz seit zwei Jahren eine zehnköpfige Abteilung abgestellt hat, und die mit 300 zahlenden Teilnehmern den Break even erreichen will, verfolgt laut Geschäftsführer Peter Haase drei Ziele: die Besten zusammenführen, ein Gefühl für die Knowledge-Sphere entwickeln und individuelle Schlüsse daraus ziehen.

Auf der Zukunftskonferenz "der neuen Art", die sich "von Zukunftskongressen unserer Tage durch ihre inhaltliche Architektur, ihre Arbeitsweise und ihre Event-Qualität" unterscheiden soll (Tagungsprospekt), sind die Teilnehmer eingeladen, den "Future Sense" nicht nur kennenzulernen, sondern auch zu erleben. "Ein Bad der Zukunft" soll den Auftakt bilden zu Workshops in mäßig extravaganten Locations wie Infobox, Quartier 206, Ludwig-Erhardt-Haus, Planetarium oder Botanischen Garten.

Jeder der acht Horxschen Sphären sind Experten zugeteilt, die selbstverständlich "Spherelab Speakers" heißen. Die Referentenliste weist Big Names auf wie den charismatischen französischen Ex-Kulturminister Jack Lang oder den Amerikaner John Naisbitt, den unbestrittenen Nestor der Trendforschung. Mit von der Party sind außerdem der Zukunftspsychologe Mihaly Csikszentmihalyi oder auch Peter Glotz, der unverzichtbare Teilnehmer aller Politdiskurse.

Die Referentenliste macht also nicht den Eindruck, dass die Zukunft besorgniserregend fremd aussieht. "Meeting the good ole boys" hätte es als Motto vielleicht auch getan, zumal der Durchschnitts-Berliner als zukunftsgestaltender Teilnehmer kaum in Frage kommt. Bislang sind laut Veranstalter rund 100 Anmeldungen (www.meeting-the-best.com) eingegangen. Darunter vermutlich die üblichen Verdächtigen: Kommst Du zu meiner Konferenz, komm' ich zu Deiner. Eine Zukunftskonferenz "Meeting the good ole boys" - das wäre mal was Neues. Vielleicht denkt Altmeister Horx an seinem Schreibtisch bereits darüber nach.

Uta Glaubitz und Regina-C.Henkel


< zurück

© 1997-2010 uta glaubitz startseite|kontakt|sitemap|impressum