www.goethe.de (September 2006)
"Die Generation Praktikum ist kein neues Phänomen"
Uta Glaubitz wollte einmal Rockstar werden. Ein Star ist sie jetzt - im Milieu der Arbeits- und Berufsberatung. Vor zehn Jahren hat sie sich damit in Berlin selbstständig gemacht, inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten Berufsberaterinnen in Deutschland. Im Nebenjob ist sie Autorin – von Berufsratgebern. Ihr 15. Buch zum Thema „Berufsfindung“ ist eines für die Generation Praktikum, obwohl es die in diesem Sinne eigentlich gar nicht gibt, wie Uta Glaubitz sagt. Jedenfalls sei die Situation nicht gravierender als früher.
Frau Glaubitz, warum ein Berufsratgeber für die Generation Praktikum? Die Berufe, aus denen diese Generation wählen kann, sind ja sehr unterschiedlich.
Zum einen liegt das Thema zunehmend in der Luft; bei Medien, Gewerkschaften und auch in der Politik. Zum anderen arbeite ich seit 10 Jahren als Berufsberaterin und erlebe in der Generation der 20- bis 30-Jährigen eine größere Unzufriedenheit sowie eine gewisse Rat- und Orientierungslosigkeit bezüglich der Berufswahl. Berufsentscheidungen sind zu einem großen Teil Milieuentscheidungen und Zufälle. Da werden junge Leute Rechtsanwälte, weil die Eltern auch Anwälte sind und sich das unhinterfragt so fortsetzt. Oder aber sie hängen Praktikum an Praktikum, weil sie keine Entscheidung treffen, sich alles offen halten wollen. Dann ist das mangelnde Selbstreflexion. Denn der Berufsfindungsprozess ist schmerzhaft, weil er als Selbstanalyse funktioniert, weil er viel mehr mit Menschsein zu tun hat als mit irgendwelchen Job-Qualifikationen. Ich erlebe das bei meinen Kunden immer wieder.
Ich bin aber - nicht nur als Berufsberaterin, sondern auch persönlich - der Meinung, dass ein Umschwung immer möglich sein muss, wenn man unzufrieden ist. Denn die eigene Identifikation mit dem Job und die Wahrnehmung von jemandem über seinen oder ihren Job sind so stark, ja, eigentlich ist der Beruf das prägendste im Leben überhaupt, dass man da unbedingt aktiv werden muss.
Mein Buch ist daher für Abiturienten, die sich das erste Mal orientieren müssen und wissen wollen, wie sie mit guten Praktika zu ihrem Traumjob kommen können, es ist aber auch für die 25-Jährigen, die nach mehreren Praktika immer noch nicht wissen, was sie wollen, und für die Mitte 30-Jährigen, die den Berufsstart schon hinter sich haben, aber gerne noch einmal die Richtung ändern wollen. Rund 90% der Praktikanten sind orientierungslos, aber diese Orientierungslosigkeit hat nichts mit äußeren Umständen zu tun. Wer besonders motiviert ist und an sich arbeitet, kann sich, wenn er gut ist, später eines unter mehreren Jobangeboten aussuchen.
In Ihrem Buch haben Sie das so umschrieben: „Die Zeiten sind nicht schlecht, sie fühlen sich nur schlecht an." Und in der Tat: Vor der "Generation Praktikum" gab es die "Generation Patchwork", zu 68er-Zeiten die "Lebenskünstler". Es gab also schon immer Leute, die frei gearbeitet haben und ihre Berufe mehrmals wechselten. Neu ist aber, dass es zunehmend auch diejenigen trifft, die gar nicht für so viel Flexibilität und für dauerhaftes freies oder selbstständiges Arbeiten gemacht sind. Sehen Sie das anders?
Die Leute sind früher sicherlich nicht entschlossener gewesen, sondern haben einfach einen Beruf ergriffen, aus welchen Gründen auch immer. Aber das ändert an der Situation nichts. Die Zeiten waren schon immer so schlecht oder so gut, weil man sich auch schon immer entscheiden musste. Ich würde mich sogar noch weiter aus dem Fenster lehnen und sagen, dass die Generation Praktikum kein neues Phänomen ist. Ich sehe es ja täglich, zu mir kommen Leute aus allen möglichen Berufen und Altersklassen, nicht nur Akademiker und Abiturienten.
Wer kommt denn hauptsächlich zu Ihnen?
Meine Hauptkunden sind Banker und BWLer im Alter von Mitte 30 bis 40 ungefähr. Leute, die schon immer einen relativ konkreten Berufswunsch hatten, den aber aus verschiedenen Gründen aufgegeben haben und nun wieder – bewusst oder unbewusst - aufnehmen wollen. Aber ja, es kommen auch Abiturienten und Studenten. Die Palette reicht von 18 bis 60 Jahren.
Banker und BWLer verfügen wahrscheinlich eher als Freiberufler und prekarisierte Selbstständige über das nötige Kleingeld für eine Berufsberatung. So wie Absolventen technischer Ausbildungen immer noch bessere Karten auf dem Arbeitsmarkt haben als Geisteswissenschaftler. Was ist denn aber, wenn ich weiß, dass ich beispielsweise Theaterregisseurin werden will, mein Studium und meine Praktika schon darauf ausgerichtet habe, aber dennoch nicht zum Zug komme, weil die Anzahl der Arbeitsplätze an staatlichen Theatern begrenzt ist und ich dann gezwungen bin, frei zu arbeiten? Wie würden Sie solchen Leuten helfen?
Alle Berufe sind zugangsbegrenzt. Das ist mit der erste Schritt, sich darüber klar zu werden. Aber wenn ich etwas wirklich will, wenn ich ein Ziel vor Augen habe, dann kämpfe ich darum. Und mache meine Situation nicht dauernd von außen, von einer Regierung, der Globalisierung oder der Arbeitsmarktlage abhängig.
Klingt, als würde man am besten frühzeitig sein Geld in eine Berufsberatung stecken, anstatt beispielsweise ins BAföG.
Es ist zumindest sinnvoll investiert, ja. Für eine Entscheidung und ein Ziel, das mein Leben verändert, also, das darf doch ruhig etwas kosten! Den Deutschen geht es ja im Vergleich zu anderen Ländern immer noch gut. Da wird viel Geld ausgegeben für den Fahrradkauf oder den nächsten Urlaub. Und warum ist das so, warum sind das eher Themen? Weil das Thema Arbeit unbequem ist, weil man sich da mit sich selbst beschäftigen muss.
Natürlich kann ich auch versuchen, allein Theaterregisseurin zu werden, klar. Aber wenn Sie zum Beispiel in der Fußball-Nationalmannschaft spielen, sind Sie auch nicht alleine. Da haben Sie einen Trainer, einen Co-Trainer, Ihre Teamkollegen usw. Oder schauen Sie sich Madonna an, die hat auch einen ganzen Stab an Leuten. Alleine wäre die nie das geworden, was sie jetzt ist.
Wie kommt man also zum Traumberuf? Welche Schritte gehen Sie mit den bei Ihnen Rat Suchenden in einem Seminar?
Also erstmal muss man herausfinden, was man will und anhand von persönlichen Stärken und Interessen analysieren, wie man dahin kommt, also wie man was einsetzen muss, um ans Ziel zu gelangen. Dazu braucht es dann einen Zeitplan. Den muss man Schritt für Schritt abarbeiten. Bei manchen geht das in fünf Monaten, andere brauchen ein paar Jahre. Jeder in seinem Tempo.
Aber ich hatte in zehn Jahren noch keinen einzigen Fall, der gescheitert ist.
Und wenn man gar nicht die große Karriere will? Sondern vielleicht einfach nur einen Job, der ungefähr in dem Berufsfeld ist, in dem man arbeiten will, der einen glücklich macht und der genug Geld einbringt, dass man davon leben und vielleicht noch eine Familie ernähren kann?
Es muss nicht immer die große Karriere sein, aber man muss schon Perspektiven haben und diese formulieren können. Es langt nicht zu sagen: Ich will etwas anderes. Und da haben viele eben doch Probleme. Ich bleibe dabei: Dieses unbestimmbare Gefühl von Unzufriedenheit ist meiner Ansicht nach ein erstes Indiz, möglicherweise eine Berufsberatung in Anspruch zu nehmen.
Sie sprechen in Ihrem Buch darüber, dass Praktika nicht immer das Non-plus-Ultra zum Traumjob sein müssen, sondern dass man sich auch Alternativen überlegen sollte. Sie nennen Hospitanz, Volontariat, Volunteering, Aushilfsjobs, Projektarbeit, Workcamps. Viele dieser alternativen Arbeitsformen sind aber ebenfalls unterbezahlt und befristete, prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Oder sie bauen sogar aufeinander auf: Kein Volontariat ohne entsprechende Praktika vorher, und dann ist das Volontariat auch längst kein sicheres Eintrittsticket in die Berufswelt mehr, zumindest nicht im Journalismus und im Kunstbetrieb.
Wir sprechen von einer Ausbildungssituation. In dieser gibt es viele Wege zum Ziel. Wichtig ist, dass man sich frühzeitig seiner Situation und seiner Möglichkeiten bewusst wird und dann strategisch vorgeht, nicht ziellos das nimmt, was sich einem gerade bietet oder weil man mal "was mit Medien" machen will und dann von einem Praktikum im Online-Journalismus über die Werbe-Agentur bis hin zu einem kleinen Assistenzjob bei einer Filmproduktionsfirma alles macht. Und vor allem nicht mehr nach dem Abschluss. Wenn man weiß, was man will, sind Praktika und dergleichen nach dem Studium schon auch noch okay. Aber nicht unbezahlt und so diffus.
Genau das ist aber leider meistens der Fall. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe persönlich nichts gegen die Generation Praktikum. Wenn jemand so leben will, okay. Aber wenn diese Situation nur eine Verlängerung der Pubertät darstellt, zum Zweck der Selbstverwirklichung, dann habe ich da kein Verständnis für. Ich habe den Eindruck, dass "Generation Praktikum" gerade hier in Berlin nicht nur ein Label ist, sondern ein selbst gewählter Lebensstil.
Unfaire Behandlung und Ausbeutung gibt es nämlich überall, nicht nur bei Praktika, sondern auch später im Job. Das Verhältnis muss stimmen. Man darf nicht sagen "Hmm, wäre gut, wenn's bezahlt wäre" und sich dann mit dem zufrieden geben, was man eventuell bekommt, sondern man sollte frühzeitig darauf achten, dass Praktika angemessen bezahlt sind und wenn nicht, eben auch nein sagen können. Praktikanten müssen lernen, sich frühzeitig zu wehren. Einen Zusammenschluss von Praktikanten finde ich in Ordnung, aber daraus politische Forderungen abzuleiten, ich weiß nicht. Es gibt ja auch Praktikanten, die nerven.
Und doch beschäftigen immer mehr Firmen lieber Praktikanten als Festangestellte. Das kann ja im Findungsprozess als Praktikant auch Vorteile haben: Bei vielen Dingen, die man ausprobiert, weiß man erst mittendrin, dass man sie gerne machen will. Oder man erfährt während eines Praktikums, dass man inhaltlich zwar mit dem Berufsfeld, das man hier gerade testet, sehr gut klar kommt, aber nicht mit dessen Struktur. Arbeitshierarchien muss man ja auch erst kennen lernen.
Praktika sind nicht zum Ausprobieren da, sondern einzig und allein, um sich Schritt für Schritt für jeweils höhere Aufgaben zu empfehlen.
Sie erläutern die Findungsphasen in Ihrem Buch mit kleinen personalisierten Beispielen. Wir treffen etwa auf Michael, der seine Freunde davon überzeugte, mit auf eine Demonstration zu kommen und der bei Streitigkeiten auf dieser Demo schlichten konnte. Danach kann er in der Lokalzeitung einen Kommentar schrieben und bekommt viele Leserbriefe. Klingt für mich wie aus einem Märchen. Wo gibt es denn solche Situationen noch, wo jemand ohne journalistische Vorerfahrung gleich in einer Zeitung Platz für einen Kommentar frei geräumt bekommt? Um eine Idee zu kriegen, wohin man selbst will und wie man das an Kleinigkeiten merken könnte, sind die Beispiele gut. Aber sehr realistisch finde ich das in vielen Fällen ehrlich gesagt nicht.
Natürlich ist das realistisch! Wenn jemand Journalist werden will, muss er sich vorher seine Ziele abstecken. Sich zum Beispiel fünf Themen überlegen, die man unbedingt bearbeiten will und damit zum Chefredakteur gehen und dafür kämpfen. Und wenn man sich vor dessen Bürotür anketten muss dafür!
Oder vorher eine Berufsberatung in Anspruch nehmen…
Oder vorher eine Berufsberatung in Anspruch nehmen, ja. Das kann eine gute Möglichkeit sein.
Sie machen Ihren Job jetzt seit 10 Jahren. Ist das Ihr absoluter Traumberuf? Oder sehen Sie selbst sich in zehn Jahren wieder woanders?
Man sollte selbst immer das vorleben, wie andere sich das wünschen, sonst funktioniert auch meine Beratung nicht. Im Moment funktioniert's noch ganz gut, aber ich werde sicherlich nicht mein ganzes Leben lang Berufsberatung machen. Ich gehe sowieso davon aus, dass man bis 75 arbeiten muss, das heißt, dann hätte ich jetzt noch 35 Jahre. Vielleicht sag’ ich in fünf Jahren: Okay, ich habe viel Geld verdient, toll Karriere gemacht, und Spaß gemacht hat es auch, aber ich probiere jetzt mal was Neues. Klar!
Kerstin Fritzsche
führte das Interview. Sie ist derzeit Volontärin in der Online-Redaktion des Goethe-Instituts. Vor und während des Studiums hat sie auch bei zahlreichen Projekten mitgearbeitet, Praktika, freie Mitarbeiten und Hospitanzen absolviert und andere vorübergehende Jobs gemacht.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
www.cosmopolitan.de (August.06)
Individuelle Berufsfindung
Das Studium schnell und mit guten Noten abzuschließen, ist schon lange keine Garantie mehr für einen Job. Ohne Berufserfahrung erhält man nur noch in Ausnahmefällen eine feste Anstellung. Egal, ob Sie frisch von der Uni kommen, gerade eine Ausbildung gemacht haben oder nach Jahren auf ein neues Betätigungsfeld umsatteln wollen: Vor der Wahl des idealen Praktikums steht die Frage "Was will ich und wie kann ich es erreichen?".
Die Autorin des Bestsellers "Der Job, der zu mir passt", Uta Glaubitz, nimmt sich in ihrem neuen Buch "Generation Praktikum" mit einem Augenzwinkern den zukünftigen Praktikanten an. Erfolg versprechend ist ein Praktikum ihrer Meinung nach nur, wenn Sie Ihre eigenen Stärken und Schwächen kennen und sich vorab über das in Frage kommende Unternehmen informieren. Eine Richtung in der Stellenauswahl sollte ebenfalls zu erkennen sein, denn ein Dauerpraktikant signalisiert, dass er nicht weiß, was er will. Dieser amüsant geschriebene Ratgeber ist unentbehrlich für alle, die noch auf der Suche nach ihrem Traumjob sind.
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