Individuelle
Berufsfindung

Süddeutsche Zeitung (Mai 2009)



Glücklich im Weinberg

Steffen Lenzner ist Biologe und arbeitete als Humangenetiker. Doch dann gab er das Labor auf und wurde Winzer

Die Arbeiter in der Kirchstraße 38 in Hochheim amMain werkeln emsig. Sie hämmern, bohren, fräsen, verlegen elektrische Leitungen und brechen zugemauerte Fenster wieder auf. Im Lärm versteht man sein eigenes Wort nicht. Doch die Zeit drängt. Das Weingut Weinegg, das in den Chroniken der Stadt erstmals 1239 erwähnt wird und später den Beinamen Dompräsenzhof trug, soll wiederbelebt werden. Und dazu wird der unter Denkmalschutz stehende Komplex mit Wohnhaus, Wirtschaftsräumen und dem schönen Kellergewölbe nun in Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde komplett saniert. Das kostet mehrere Millionen Euro. Ende Juni oder Anfang Juli solle das Gut nebst Restaurant neu eröffnen, erzählt Steffen Lenzner. Der 1964 in Halle an der Saale geborene Mann sitzt auf einer Bank neben der katholischen Kirche St. Peter und Paul. Er lässt seine Blicke über die Weinberge schweifen, schweigt eine Weile und sagt dann plötzlich mit fester Stimme: "Ich habe den Umstieg in ein neues Leben noch in keiner Minute bereut. Es war für mich beruflich die richtige Entscheidung. Ich gehe immer gerne ins Weingut, auch wenn ich Drecksarbeit machen muss, wie Fässer schrubben."

Dass er einmal Winzer werden würde, konnte sich Lenzner vor einigen Jahren noch gar nicht vorstellen. Als Jugendlicher habe er überlegt, Förster zu werden, erzählt er. Als Kind habe er viel Zeit im Elbsandsteingebirge in freier Natur verbracht. Doch die Sache mit der Forstwirtschaft habe man ihm irgendwann "madig gemacht" – vielleicht auch, weil er in der Schule gute Leistungen zeigte. So studierte er Biologie. Es hätte auch Chemie oder Physik sein können, sagt er und grinst dabei. 1994 promovierte er und heuerte in Berlin beim Max-Planck-Institut für molekulare Genetik an. "Das lief gut an", erinnert er sich. Erst befasste er sich mit Pflanzen-, später mit Humangenetik, also mit genetisch bedingten Erkrankungen. Der Umgang "mit Menschen, mit Patienten" sei spannend und interessant gewesen, sagt Lenzner. Das große Geld allerdings sprang dabei nicht heraus. Als Forscher lerne man schnell, "mit Frust und Rückschlägen umzugehen". Das Leben mit befristeten Ein- oder Zweijahresverträgen sei aber finanziell nicht einfach gewesen und irgendwann wurde ihm bewusst, dass der erhoffte große Karrieresprung ausblieb. Er habe es versäumt, als Forscher den nötigen Egoismus zu pflegen, erzählt er. "Ich habe da zuwenig an mich gedacht. Ich hätte mehr publizieren müssen, um mir einen Namen zu machen." So kam der Tag, an dem sich Lenzner fragte, welche Perspektive er noch habe. Die Antwort fiel nicht günstig aus. "Ich war unzufrieden", sagt er. Auch seine erste Ehe ging damals in die Brüche.

MutMacher – In jeder Veränderung steckt eine Chance

Es dauerte eine Weile, bis er sich dieses Scheitern selbst eingestand. "Durch Zufall", sagt er, sei er auf die Berufsfindungsseminare von Uta Glaubitz gestoßen. 2001 besuchte er ein Seminar der Beraterin. "Das hat den Ausschlag gegeben", so Lenzner, der über sich sagt, er genieße, koche, trinke und esse gerne. Als er aufschreiben sollte, welche Berufe er sich vorstellen könnte, schrieb Glaubitz plötzlich das Wort "Winzer" dazu. Später, beim Blick auf den Flip-Chart, dachte er zunächst: "Das geht gar nicht". Dann aber kam ihm in den Sinn, dass Weinbau und Önologie durchaus viel mit seinen Interessen und seinen Fähigkeiten und Begabungen zu tun haben. Die Verbundenheit mit der Natur, die Nähe zur Biologie und zur Chemie, die Facetten von Kunst und Genuss und die Chance, die Ergebnisse der eigenen Arbeit sehen und schmecken zu können – "es gab alles, was ich suchte. Es war eine einzigartige Kombination für mich." Noch heute scheint Lenzner über diesen "Zufallstreffer" verblüfft zu sein.

Das Dasein als Forscher war für ihn uninteressant geworden. Auf einem Weingut in Südafrika heiratet er seine neue Liebe Conny. In Sachsen besucht er Winzer. Alle bestärken ihn in seinem Wunsch, in den Weinbau einzusteigen. Er folgt der Empfehlung, ein Studium an der Fachhochschule Geisenheim im Rheingau zu absolvieren. Zugute kommen ihm nun der Doktortitel in Biologie und seine Berufserfahrung. Und er macht ein sechsmonatiges Praktikum auf Schloss Johannisberg, das als älteste Riesling-Domäne der Welt gilt. 2004 wird Sohn Leo geboren. In der Familie ist ein Rollentausch angesagt. Mutter Conny findet einen Job bei einem Pharmaunternehmen im Rhein-Main-Gebiet. Vater Steffen kümmert sich um den Jungen – und macht sich auf die Suche nach einem Weingut. Er schaltet Anzeigen. Lange passiert nichts. Dann schickt ihm Engelbert Gemünden eine E-Mail. Der 63-Jährige hat viel Geld mit einer Firma in der IT-Branche verdient und die Immobilie Weinegg in Hochheim vor drei Jahren gekauft. Die beiden treffen sich. Lenzner merkt, dass es mit dem Eigentümer funktionieren könnte. Bald einigen sich beide auf ein Praktikum.

Lenzner sagt über sich, er sei eine Kämpfernatur. Auf dem Weingut und in den Weinbergen kann er das beweisen. Im vergangenen Herbst fuhr er die Ernte ein und produzierte Weine, die noch im Keller gebunkert sind. Verkauft ist bis heute keine einzige Flasche. Momentan brütet Lenzner über dem Design der Etiketten. "Ich bin jetzt hier für alles zuständig", sagt er. 3,7 Hektar Rebfläche gehörenzum Gut. Bepflanzt sind sie zu 85 Prozent mit Riesling. Der Rest ist reserviert für Grauburgunder, Dornfelder, Spätburgunder und Merlot. "Wir wollen in der oberen Liga mitspielen und werden in drei Jahren sehen,wowir stehen. Aber ich bin äußerst zuversichtlich."

Er selbst strebt nun die Erfüllung seines Wunschs an. Mit einer Einlage von 40 000 Euro will er im Juli persönlich haftender Gesellschafter des Weinbaubetriebswerden, der den Namen "Im Weinegg Weingut Dr. Lenzner GmbH & Co. KG" tragen soll. "An dem Vertrag wird gerade gearbeitet." Er hoffe, dass das "Glück des Tüchtigen" ihm treu bleibe.

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