Die Zeit Campus (1/2012)

Welcher Job passt zu mir?
Wie man sich richtig entscheidet und bewirbt
Frau Glaubitz, mit einem Studienabschluss habe ich unendlich viele berufliche Möglichkeiten. Wie finde ich heraus, welche
die richtige ist?
Zunächst einmal ist es wichtig, sich der Frage nach dem Beruf angstfrei zu stellen. Ziehen Sie sich ohne
Druck für ein Wochenende zurück, und überlegen Sie: Was macht lhnen Spaß? Wofür interessieren Sie sich? Was motiviert Sie? Wofür stehen Sie freiwillig morgens auf? Wo haben Sie schon einmal gerne viel Energie reingesteckt? Sammeln Sie die Dinge, die Ihnen hesonders wichtig sind. Das sind alles Hinweisschilder. Jetzt überlegen Sie, welche Berufe infrage kommen. Und dann entscheiden Sie sich – nicht halbherzig und vorläufig, sonclern bewusst und konsequent. Leider fällen nur wenige eine solche Entscheidung, dabei kann ich es jedem nur raten.
Man will sich einfach nicht so früh festlegen.
Festlegen heißt ja nicht, dass die berufliche Zukunft in Stein gemeißelt ist. Die meisten Leute wollen sich am liebsten gar nicht festlegen gen, mit 20 nicht und mit 30 auch nicht. Wer aber ein Ziel hat, entwickelt ein Gespür dafür, ob er auf dem richtigen Weg ist. Wer sich mit 20 entschieden hat, Modedesigner zu werden, der kann es mit 30 geschafft haben. Dann kann man sich ein neues Ziel setzen.
Versperrt es nicht den Blick auf die Alternativen, wenn man sich nur auf ein Ziel konzentriert?
lm Gegenteil. Theoretische Möglichkeiten gibt es viele, aber berufliche Möglichkeiten sind nichts, was
einfach in der Luft schwebt. Erst wer sich bewusst auf einen Weg einlässt, entdeckt konkrete Chancen - und kann auch mal aus einem Fehler lernen. Ob ein Germanist als Cutter arbeiter oder nicht, das liegt an seinem Handeln. Mir sitzen in der Berufsberatung meist Studenten gegenüber, die erst zum Ende ihres Studiums überlegen, was sie damit eigentlich machen wollen. Strategisch besser wäre es aber, früh an den Beruf zu denken, schon direkt nach der Schule.
Aber Bildung ist nicht nur für den Beruf da. Im Studium will man sich auch mal treiben lassen und Dinge ausprobieren, die sich nicht direkt verwerten lassen.
Wenn man das Studium als eine solche Phase sieht, ist das völlig in Ordnung. Aber auch das ist eine Entscheidung. Viele lassen sich jedoch treiben, gerade weil sie keine Entscheidung treffen wollen oder können. In meinen Beratungsgesprächen merke ich, dass viele Studenten eine Berufsentscheidung nicht aus Lust an der Freiheit oder am Ausprobieren aufschieben. Die ungewisse Zukunft macht ihnen Angst, viele wünschen sich ein klares Ziel, aber ihnen fehlt der Mut, das auch anzupacken. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, ich selbst habe auch erst mal drauflos studiert und wusste nicht, wohin danach.
Als Student hat man ja meist auch noch gar keine genaue Vorstellung vom Beruf.
Das heißt aber nicht, dass man keinen Berufswunsch haben kann. Denn es hilft, sich nicht zu verzetteln. Zur Beruhigung noch irgendein Praktikum und noch einen Sprachkurs zu machen, bloß weil die anderen es auch tun, hilft niemandem. Überlegen Sie für sich: Mache ich dieses Projekt oder jenesPraktikum, weil es mich einen Wünschen wirklich näher bringt, oder lenke ich mich damit bloß von einer Entwscheidung ab? Dann ist es wichtiger, erst mal zu überlegen, wo es hingehen soll. Das Praktikum kann ruhig warten.
So leicht scheint das in der Praxis nicht zu sein.
Die Menschen tun alles, wirklich alles, um diese Entscheidung zu vermeiden. Das Festlegen ist für viele sehr unangenehm, für die meisten ist es da einfacher zu sagen: Ich weiß es noch nicht, ich mache erst mal ein Aufbaustiduim Projektmanagement. Oder: ich gehe jetzt noch mal drei Monate nach Argentinien, Spanisch lernen. Manche sagen auch, soe dächten schon lange nach, wüssten es aber noch nicht ganz sicher. Das sind alles Entscheidungsvermeidungsstrategien.
Was kann man dagegen tun?
Ich sage jedem, der glaubt, sich nicht entscheiden zu können: Keine Ablenkungsmanöver mehr! Auch keine
Dissertation. Wenn man nicht gerade eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebt, ist die Dissertation häufig nur ein weiteres Ausweichen vor der Entscheidung. Es führt aber kein Weg daran vorbei, je länger man sich ablenkt, desto nervöser wird man.
Bevor Sie also noch irgendetwas machen, überlegen Sie erst, wo es hingehen soll.
Wie geht man dabei vor?
Man nimmt sich ein Blatt Papier, oben auf das Blatt schreibt man, was man werden will. Unten auf
dem Blatt notiert man, wo man gerade steht. Nachdem nun klar ist, von wo aus es wohin gehen soll, muss man sich überlegen, wie man dorthin kommt. Wenn ich zum Beispiel Jura studiere und Richter werden will, dann ist nur eines entscheidend: eine gute Abschlussnote. Wenn ich aber eine Kanzlei aufmachen will, ist die Note völlig egal. Wenn ich Dramuturg am Theater werden will, bringt ein Praktikurn in einer PR-Agentur wenig. Man schreibt auf das Blatt Papier zwischen unten und oben die notwendigen Schritte auf, um sein Ziel zu erreichen. Dazu gehört: Variationsmöglichkeiten des Reststudiums ausloten, die Masterarbeit etwa. Und Praktika, Fremdsprachen, Kurse, Bücher lesen - alles nur, wenn es Sie begeistert und lhren Wünschen näher bringt, bloß nicht aus Pflichtgefühl oder als Beschäftigungstherapie.
Oft ist aber gar nicht klar, welcher der richtige Weg zum
angestrebten Beruf ist.
Nein, nicht für jeden ist es so einfach wie für den angehenden Zahnarzt, der weiß, er muss nur Zahnmedizin studieren. Beim Fotografen zum Beispiel gibt es verschiedene Möglichkeiten: eine Ausbildung, ein Studium, viele Wege führen zum Ziel. ln anderen Berufen ist überhaupt nicht klar, wie man dorthin kommt, zum Beispiel Motivationstrainer oder Kinderbuchautor. Da muss man manchmal auch ganz neue Wege gehen.
Selbst wenn man sich einen guten Weg ausgesucht hat, ist es nicht garantiert, dass man es ans Ziel schafft.
Aber mit dem Aufzeichnen des Weges ist schon ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung getan. Meiner Erfahrung nach ist das Problem nie, wie ich dahin komme, sondern dass ich gar nicht erst weiß,
wo ich hinwill. Ein Plan gibt Kraft und auch eine gewisse Ausstrahlung, Das ist wichtig. Die Wendung
ist wahr: Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch. Wenn man verliebt ist, wächst man
schließlich auch plötzlich über sich hinaus. So ist es auch mit der Berufswahl. Nehmen wir mal an, ich überlege mir mit 20, wo ich mit 30 sein möchte. Dann habe ich eine Menge Zeit. Wann ich wirklich daran arbeite, mich immer in diese Richtung bemühe, dann ist es nach zehn Jahren nicht unwahrscheinlich, dass ich angekommen bin.
Welche Rolle sollte bei der Berufswahl die Sicherheit spielen?
Vermeintliche Sicherheit nützt nichts, wenn kein Interesse da ist. Außerdem kann Sicherheit trügen: Ich
kann auch als Ingenieur so depressiv sein, dass ich arbeitsunfähig werde. Auch als Informatiker kann ich
gefeuert werden. Der sicherste Weg ist immer der, von dem man überzeugt ist und für den man kämpft.
Und wenn man die ganze Zeit für das Falsche kämpft?
Die Angst vor einer Fehlentscheidung kommt auch daher, dass viele einem Irrtum aufsitzen: Seinen
Beruf findet man nicht, indem man dasitzt und grübelt und grübelt und auf einmal die richtige Antwort hat. Es ist eine Entscheidung, die man letztlich allein und unbeeinflusst treffen sollte. Es gibt kein Geheimnis des richtigen Berufes, das man entdecken muss. Wenn ich mich aus freien Stücken entscheide, dann ist das richtig, weil es gar keine darüber hinausgehende Wahrheit gibt.
< zurück