Individuelle
Berufsfindung

Leseprobe - Jobs für Kommunikationstalente und Quasselstrippen


Lieber arbeiten als sich langweilen
Gustave Flaubert

Mit Reden sein Geld verdienen

Macht es Ihnen Spaß, viel zu reden? Halten Sie mit Ihrem großen Kommunikationstalent ungern hinterm Berg? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, aus diesem Talent einen Beruf zu machen? Dann hilft Ihnen dieses Buch, einen Job zu finden, der zu Ihnen passt.

Wenn Kommunikation Ihre große Stärke ist, bieten sich zahlreiche Karrieren an: Denken Sie nur an den Kontakter einer Werbeagentur, der 10 Stunden täglich per Telefon oder in Meetings mit Kunden, Grafikern und Textern spricht. Denken Sie an den Talkshowmaster, der mit flotten Sprüchen seine Gäste und das Publikum vor laufender Kamera unterhält. Denken Sie an Kabarettisten, Autoverkäufer, Künstleragentinnen, an Leute, die auf Messen Software und im Kaufhaus Kosmetik vorführen, und schließlich an Politiker, Kommunikationstrainerinnen und Pressesprecher.

Auf den folgenden Seiten begegnen Sie Leuten, die in diesen Bereichen tätig sind – und quasseln. Außerdem machen wir Sie mit Berufen bekannt, von denen Sie noch nie im Leben gehört haben. Oder wissen Sie bereits, was eine Warm-Upperin, ein Art-Consultant oder ein Frauencoach macht? Oder wieso gerade Diskjockeys, Skilehrerinnen und Energieberater gut reden können müssen?

Worum geht's?

”Arbeit muss weh tun”. Und: ”Qualität kommt von quälen”. Mit diesen und ähnlichen Sätzen sind die meisten von uns groß geworden. Kein Wunder also, dass viele blockiert sind, wenn es darum geht, ein eigenes Berufsziel zu finden, das nicht nur das nötige Kleingeld ins Portemonaie schafft, sondern auch Spaß macht und ein erfülltes berufliches Leben verspricht.

Traditionell läuft Berufsfindung etwa so: Der Berufssuchende fragt sich:

Was könnte ich mit dieser oder jener Ausbildung werden?
Welche Planstellen könnte es für mich geben?
Was kann ich mit meinem Schulabschluss werden?
Was kann ich mit meinem Notendurchschnitt studieren?
Was kann ich mit meinem Studium werden?
Was für Weiterbildungen werden vom Arbeitsamt angeboten?
Was raten meine Eltern, meine Freunde, mein Partner, meine Partnerin?
In welchen Berufen hat man heute die größten Chancen?

Leider helfen solche Fragen überhaupt nicht dabei herauszufinden, welcher Job wirklich zu Ihnen passt. Daher geht dieses Buch anders vor. Es fragt: Was für ein Typ sind Sie? Und welcher Beruf passt dazu? Zur Anregung finden Sie zahlreiche Berichte über Leute, die mit viel Reden viel Geld verdienen. Und eine Anleitung, wie man aus seinem kommunikativen Talent einen Job macht.

Dabei kommt es nicht darauf an, ob Sie bereits in einem Beruf arbeiten – und möglicherweise keinen Spaß daran haben – oder ob Sie als Schülerin, Student oder Arbeitsloser auf der Suche sind nach einer Tätigkeit, die zu Ihnen passt.

Wer oder was ist eine echte Quasselstrippe?

Wenn Sie sich für dieses Buch entschieden haben, dann können und wollen Sie aller Wahrscheinlichkeit nach viel, ausdauernd und gut reden. Sie haben Lust am Quatschen und müssen sich nie überwinden, irgendwo mit irgendjemand ein Gespräch zu beginnen. Einladungen, über dieses oder jenes zu parlieren, nehmen Sie bereitwillig an. Zeitgleich reden und denken stellt für Sie keine besondere Herausforderung dar.

Über das persönliche Gespräch hinaus schöpfen echte Quasselstrippen die Möglichkeiten moderner Telekommunikation voll aus. Ohne Telefon zu leben erscheint den meisten von ihnen schlicht unmöglich. Zusätzlich zum täglichen Redepensum neigen sie dazu, zahlreiche Emails (per Rechner) und SMS (per Handy) durch die Welt zu schicken und sich in Internet-Chatrooms zu vergnügen.

Berufliche Chancen für Quasselstrippen

In fast allen beruflichen Bereichen sind kommunikative Fähigkeiten heute unverzichtbar. Ob als Stewardess, Tauchlehrer oder Arzthelferin – überall treffen Sie mit anderen Menschen zusammen. Selbst ein Schriftsteller muss, zumindest zu Beginn seiner Karriere, bei einem Verlag für sein Manuskript werben. Ein Arzt muss im Gespräch mit Patienten mehr über die Krankheit und deren Ursachen herausbekommen. Darüber hinaus sind kommunikative Stärken auch für die Zusammenarbeit mit anderen hilfreich. Schließlich ist niemand sonderlich erpicht darauf, seinen Kollegen und Kolleginnen jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen zu müssen.

Für echte Vielredner aber reicht ein normal kommunikativer Beruf möglicherweise nicht aus: Der richtige Job für eine echte Quasselstrippe ist einer, in dem Kommunikation nicht lediglich Nebenprodukt ist. Kommunikation soll – im besten Fall – die Hauptrolle spielen.

Auf den ersten Blick bieten sich an: Radio und Fernsehen, Werbung und Marketing, Beratung und Weiterbildung, telefonischer Service, Politik, Training, Verkauf, Unterhaltung – das Einsatzgebiet für Quasselstrippen auf dem Arbeitsmarkt ist weit. Das Talent viel und gut zu reden hat Showgrößen wie Thomas Gottschalk und Harald Schmidt, Politiker wie Joschka Fischer und Regine Hildebrandt und Trainerinnen wie Vera Birkenbihl ganz groß rausgebracht.

Aber auch in weniger glamourösen Arbeitsgebieten wie in Verkauf und Beratung arbeiten Vielredner und Vielrednerinnen. Sie lösen die Probleme ihrer Kunden, verkaufen das richtige Produkt an den richtigen Käufer und leisten telefonischen Service. Public Relations-Fachleute halten Medien und Öffentlichkeit über die Geschehnisse in einem Unternehmen, einer Organisation auf dem laufenden. Und Berater für alle Lebenslagen, seien es berufliche Engpässe, Beziehungs- oder Motivationsprobleme unterstützen ihre Klienten – vorwiegend redend.

Natürlich reicht kontinuierlicher Small-Talk für den beruflichen Erfolg nicht aus. Entscheidend ist, dass Sie etwas zu sagen haben, dass Sie wissen, wovon Sie reden und dass andere Ihnen folgen können. Eine Politikerin muss einen neuen Gesetzentwurf sehr genau verstanden haben, bevor sie ihn auf einer Pressekonferenz der Journalistenschaft präsentiert. Und ein Fernseh-Buchkritiker muss die zu besprechenden Bücher (und viele andere) gelesen und damit seine Hausaufgaben gemacht haben.

Warum reden manche viel und andere wenig?

Die meisten Kinder finden nichts dabei, auf wildfremde Leute zuzugehen und sie neugierig anzusprechen. Doch in vielen Fällen wird diese natürliche Kontaktfreudigkeit im Laufe der Entwicklung unterdrückt. ”Da kannst Du doch nicht einfach so hinlaufen und drauflosplappern. Du gehst dem doch auf die Nerven.”, pfeifen Eltern ihre Kinder zurück.

Bei vielen Menschen wird so der Drang zur Kommunikation frühzeitig – und völlig unnötig – gebremst. Kein Wunder also, dass viele heute gehemmt sind, andere anzusprechen oder etwas vortragen zu müssen. In einer Umfrage 'Wovor haben Sie am meisten Angst?' rangiert auf Platz 6 Krankheiten, auf Platz 7 der Tod, auf Platz 1 jedoch: Vor anderen reden.

Vorurteile

Über Leute, die viel reden, existieren zahlreiche Vorurteile. Die beiden häufigsten lauten: Quasselstrippen sind weiblich. Und: Quasselstrippen können nicht zuhören.

Damit wir im 2. Teil auch männliche Quasselstrippen und Meister im Zuhören vorstellen können, ein schneller Blick auf diese Vorurteile.

Vorurteil Nr. 1: Quasselstrippen sind überwiegend weiblich

”Notwendige Voraussetzung zum Vielreden ist die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht.” Oder: ”Mein Vater wurde vor Jahren von einem Freund zur Rede gestellt, weil er meiner Mutter offensichtlich nicht zugehört hatte. Er antwortete aus tiefstem Herzen: ‚Wenn ich meiner Frau immer zugehört hätte, wäre ich längst tot'”, lauten die typische Sprüche zum Thema Quasseln.

Um das alte Vorurteil, Frauen würden per se mehr reden als Männer zu überprüfen, haben wir eine kurze unrepräsentative Umfrage gestartet: Welche Prominente fallen Ihnen zum Begriff Quasselstrippe ein?

Das Ergebnis:

1. Thomas Gottschalk
2. Regine Hildebrandt
3. Gabi Köster
4. Dieter Thomas Heck
5. Gisela Schlüter
6. Bärbel Schäfer
7. Elke Heidenreich
8. Verona Feldbusch
9. Harald Schmidt
10. Guido Westerwelle
11. Giovanni Trappatoni
12. Karl Lagerfeld

Aus dieser Liste wird bereits ersichtlich: Die Neigung zum Vielreden ist keinesfalls geschlechtsspezifisch verteilt.

Vorurteil Nr. 2: Quasselstrippen können nicht zuhören

Zugegeben: Manche Quasselstrippen reden lieber selbst als den Worten anderer geduldig zu lauschen. Und die Kritik daran ist in vielen Fällen berechtigt. Trotzdem gilt für die meisten Vielredner: Wer gerne redet, ist darauf angewiesen, dass andere ihm ebenso gerne zuhören. Demzufolge sind die meisten Quasselstrippen durchaus bereit, anderen ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich könnte sich aus dem Gehörten ein ganzer Wust von neuem Kommunikationsbedarf ergeben.

Nur wer gut zuhört, ist auch ein guter Gesprächspartner. Und für Quasselstrippen ist es quasi existenziell notwendig, von anderen für eine fantastische Gesprächspartnerin, einen superben Gesprächspartner gehalten zu werden.

Über dieses Buch

Sie möchten wissen, wie man mit Vielreden Geld verdient? Der 1. Teil des Buchs präsentiert Ihnen Jobs für Quasselstrippen. Dabei haben wir darauf geachtet, überwiegend Berufe zu präsentieren, für die Sie nicht unbedingt eine formale Ausbildung oder ein Studium benötigen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sie keinerlei Fachkenntnisse brauchen. In den meisten Fällen werden Sie sehr viel dazu lernen müssen. Ob Sie dafür jedoch (noch einmal) eine Ausbildung machen oder eine Universität besuchen, liegt ganz an Ihnen. In jedem Fall finden Sie Hinweise, wo es das nötige Zusatzwissen gibt und wie Sie Ihre Fähigkeiten ausbauen können.

Die vorgestellten Tätigkeiten werden durch konkrete Beispiele und Interviews mit Leuten aus der Praxis illustriert. Die großen Bereiche dabei sind:

Radio, Fernsehen, Medien
Politik
Werbung & Öffentlichkeitsarbeit
Unterrichten, Beratung, Training
Verkauf
Personalwesen
Tourismus, Freizeit, Unterhaltung

Tipps von Experten, Literaturangaben, Adressen und Informationen runden den 1. Teil ab.

Die vorgestellten Berufe dürfen jedoch über eins nicht hinwegtäuschen: Keins der Beispiele erspart es Ihnen, sich über den Job, der zu Ihnen passt, eigene Gedanken zu machen. Im 2. Teil finden Sie daher einen Workshop, wie Sie sich ein individuelles Berufsziel erarbeiten. Schritt für Schritt zeigen wir Ihnen, wie Sie klar über Ihre Fähigkeiten und Motivationen nachdenken können.

Im Schlusskapitel geht es darum, wie echte Quasselstrippen ihr wichtigstes Werkzeug, die Stimme, ordentlich hegen und pflegen. Denken Sie daran: Wenn Sie mit Reden Geld verdienen wollen, dann ist Ihre Stimme ein nicht zu ersetzendes Kapital. Tun Sie also, was Sie können, um Ihr Sprachorgan zu pflegen.

Die Arbeitswelt von heute ist voll von Anglizismen. Niemand bemüht sich mehr, deutsche Ausdrücke für Relocation oder Casting zu finden. Weil nicht jeder alles wissen kann, finden Sie im Anhang ein kleines Wörterbuch für die im Text gebrauchten Begriffe.


Sie können das Buch hier bestellen oder im Buchhandel kaufen.
(ISBN 3-593-36547-2, Campus Verlag)

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