Individuelle
Berufsfindung

 
Leseprobe - Generation Praktikum

Mit den richtigen Einstiegsjobs zum Traumberuf

„Intervision – Agentur für Medien und PR. Was können wir für Sie tun?“

„Schumann hier. Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz auf unsere Kampagne. Wir hatten acht Anfragen von Zeitungen und drei vom Fernsehen. Unser Pressefrühstück war auch gut besucht.“

„Das freut uns.“

„Ich möchte besonders Frau Kallen danken. Sie lag mit ihrem Konzept genau richtig. Vielleicht kann ich mit ihr über eine neue Sache sprechen?“

„Leider ist sie nicht mehr bei uns. Sie war nur Praktikantin.“

„Schade. Dann lassen Sie mich mal mit dem Texter sprechen. Die Pressetexte haben mir nämlich besonders gefallen.“


„Er ist leider nicht mehr hier. Letzte Woche hat er sein neues Praktikum bei der Rheinzeitung angefangen.“

„Aber die Frau, die die Brötchen geschmiert hat, die ist noch da, ja?

„Sie hat ihr Praktikum abgebrochen, weil sie lieber zum Film möchte.“



Was ist hier falsch gelaufen?

Eigentlich ist der Kunde zufrieden mit den Leistungen seiner PR-Agentur. Er will einen neuen Auftrag vergeben. Das ist günstig für die Agentur, denn auf Dauer verdient man mit Stammkunden am besten. Doch die Leute, mit denen er arbeiten will, sind nicht mehr da. Er ist enttäuscht und hat keine Lust auf ständig wechselnde Ansprechpartner. Zusätzlich fällt auf, dass der Kunde zwar für professionelle Arbeit bezahlt, aber nur Praktikanten bekommt. Genau genommen ein Betrug.

Und das ist noch nicht alles: Offensichtlich waren an dem Projekt nur Praktikanten beteiligt. Praktikanten sollten aber nicht von anderen Praktikanten lernen, sondern von Profis. Und zwar in der Agentur, nicht etwa durch trial and error beim Kunden. „Es kommt manchmal das Gefühl auf, man bilde als Kunde die Agenturmitarbeiter aus“, erklärt Lutz Kothe, Leiter Marketing-Kommunikation bei Volkswagen. Das Wirtschaftsmagazin brand eins ergänzt: Die Kunden sind genervt, weil sie die Küken der Agenturen aufziehen sollen.1
Selbst das Brötchen schmieren noch als Praktikum zu deklarieren, macht die Sache nur noch schlimmer.

Wenn die Praktikantenkultur Kunden verschreckt – warum machen Agenturen so etwas? Ist es Bauernschläue oder Geiz-ist-geil-Mentalität? Hat die neue Praktikantenkultur etwas mit Globalisierung oder amerikanischen Verhältnissen zu tun?


Schattenwirtschaft Praktikum

Die Generation der jungen Erwachsenen wird später als je zuvor wirtschaftlich selbstständig. Während man früher mit Ende zwanzig bereits eine Familie ernährte, finanzieren Eltern heute wie selbstverständlich den Lebensunterhalt ihrer erwachsenen und gut ausgebildeten Töchter und Söhne.

Dabei schien alles darauf hinzudeuten, dass die Jugend von heute schnell erwachsen wird, so ein Leitartikel der Süddeutschen Zeitung. „Eine große Klappe haben sie spätestens mit zwölf, Sex mit vierzehn, ein Auto mit achtzehn. Früher, so die verbreitete Einschätzung, lief alles erheblich langsamer: Der erste Kuss, die ersten Kreuzchen bei einer Bundestagswahl, der erste Wagen – alles wurde erst nach langem Warten gewährt.“ Wer heute zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt ist, so SZ-Autor Felix Berth weiter, mag viel erlebt haben. „Eines ist er in den allermeisten Fällen nicht: ökonomisch eigenständig.“2

Damit wird die Generation Praktikum zum Politikum: Junge Leute beginnen spät erst damit, Steuern und Sozialabgaben zu zahlen. Sie gründen spät erst eine Familie und werden spät erst zu vollwertigen Nachfragenden der Volkswirtschaft, die mehr kaufen als gebrauchte Autos, Ikearegale und Tütensuppen.
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Fassen wir zusammen: Generation Praktikum ist ein Thema für Unternehmen, die mit Praktikanten möglicherweise Geld sparen können, aber ihre Kunden vergraulen. Es ist ein Thema für die Politik, die möglicherweise gut daran täte, die Selbstständigkeit junger Menschen zu fördern. Und damit ist Generation Praktikum auch ein Medienthema: Artikel in der Süddeutschen Zeitung, Die Zeit, Tagesspiegel, brand eins, taz und Spiegel online zeugen davon.

Vor allem aber ist Generation Praktikum ein Thema für junge Erwachsene, die nach ihrem Schul- oder Hochschulabschluss ins Berufsleben starten. Und ab dieser Zeile ist das Buch für sie geschrieben. Denn in schlechten Zeiten – oder in Zeiten, die sich schlecht anfühlen – ist es umso wichtiger, gut vorbereitet zu sein. Vielleicht können Sie an der einen oder anderen Stelle noch nachlegen.

Praktikumssurvival


Ist Ihr Praktikum der Beginn einer Karriere? Oder stehen Sie ständig bereit und kommen doch nicht zum Zug? Denn so verschieden geht es zu in der Generation Praktikum: Die einen bekommen nach zwei Monaten in der Werbeagentur eine feste Stelle als Junior-Art-Direktorin. Die anderen schleppen jahrelang Kabel, angeln den Ton, rufen den Kurierdienst – doch den Film drehen immer die anderen. Irgendwann ist man 32, und immer noch Praktikant.

Was tun? Einen Job bekommt man heute nicht mehr durch gute Noten oder das richtige Studienfach. Auch fließend Englisch lockt keinen Personalchef mehr hinterm Ofen hervor. Denn schließlich hat der Personaler Angst, einen Fehler zu machen. Auf ihn fällt zurück, wenn der neue Mitarbeiter floppt. Die Chefin wird sich beispielsweise fragen, wozu sie überhaupt einen Personaler hat, wenn der die falschen Leute einstellt. Andere Mitarbeiter werden sich beschweren, dass der Neue nervt. Außerdem kostet es Zeit, Geld und Liebesmüh, einen Neuling einzuarbeiten. Die sind bei einem Fehlkauf komplett verschenkt.

Wechseln Sie für einen Moment die Perspektive: Versetzen Sie sich in die Lage eines Personalers. Die Messeabteilung Ihres Unternehmens hat signalisiert, dass sie dringend Verstärkung braucht. Die Zeit drängt, denn es müssen Produktpräsentationen und Messeauftritte vorbereitet werden. Sie haben viele Kandidaten und Kandidatinnen zur Auswahl. Und Sie möchten später für Ihre Wahl gelobt werden. Sie möchten, dass der Neue sich schnell einarbeitet und gut im Team zurecht kommt. Für wen entscheiden Sie sich? Für den Bewerber mit dem Studienjahr an einer amerikanischen Edeluniversität? Oder doch eher für die Praktikantin, die seit einigen Monaten im Unternehmen arbeitet und bei ihren Kollegen sehr beliebt ist?

Dieser Perspektivwechsel zeigt, warum ein Praktikum so wichtig ist: Um einen guten Job zu bekommen, müssen Sie präsent sein, Leute kennen und gezeigt haben, was Sie können. Kurz: Sie müssen sich eine gute berufliche Ausgangsposition erarbeitet haben. Je mehr Sie trainieren, desto günstiger wird Ihr Standing auf dem Arbeitsmarkt. Wer besonders motiviert ist und strategisch, kann sich unter mehreren guten Jobs einen aussuchen.


Wie erarbeitet man sich ein Standing?

Keine Redaktion wird Sie einstellen, weil Sie die richtige Fächerkombination studiert haben. Kein Museum wird Sie beschäftigen, weil Sie Mitglied in einem Studentenclub waren. Und kein Verlag wird Sie als Lektor wollen, weil Sie schöne Weiterbildungskurse besucht haben. Eins aber punktet immer: praktische Erfahrung.

Um sich ein gutes Standing zu erarbeiten, werden Sie also nicht um die Zeit der Praktika herumkommen. Sie werden vermutlich nicht nur ein, sondern zwei, drei oder vier Praktika machen müssen. Sich zu lange mit Praktika durchzuwurschteln ist allerdings gefährlich: Irgendwann sieht der Lebenslauf zusammen geschustert aus. Zehn Praktika signalisieren: „Ich weiß nicht, was ich will.“


Und das ist genau das Gegenteil eines guten Standings. Wenn ein Arbeit- oder Auftraggeber riecht, dass Sie orientierungslos auf dem Arbeitsmarkt unterwegs sind, wird er denken: „Wie soll der etwas in meiner Firma erreichen, wenn nicht einmal er selbst weiß, was er will?“ Genau das aber geht so manchem Arbeitgeber durch den Kopf – beim Anblick eines durchschnittlich verwirrten Praktikanten.

Wer nicht weiß, was er will, kann nichts erreichen. Denn ohne Ziel kann man keinen Plan entwickeln und keine Strategie. Natürlich können Sie stattdessen auf den Zufall warten, in der Hoffnung, dass sich irgendwas ergibt. In etwa fünf Prozent der Fälle klappt das auch: Zufällig eröffnet sich eine Möglichkeit, man greift zu und hat den Job seines Lebens. Trotzdem sollten Sie nicht darauf hoffen, zu diesen fünf Prozent zu gehören. Denn das Warten auf den Zufall ist genau das Gegenteil einer Strategie. Das Warten ist eher Zeichen von Passivität.

Doch die braucht auf dem Arbeitsmarkt niemand. Arbeit- und Auftraggeber suchen Leute, die engagiert sind, Sachen stemmen und Projekte nach vorn treiben können, Mitarbeiter, die sich und dem Unternehmen Chancen erarbeiten und im Wettbewerb bestehen. Keine Firma kann es sich leisten, mit Leuten zu arbeiten, die auf den Zufall hoffen.

Doch manch ein Praktikant verhält sich so. Schließlich ist man ständig beschäftigt damit, das Zeugnis vom letzten Praktikum zu beschaffen und sich für das nächste Praktikum zu bewerben. Zwischendurch wird manchmal studiert, Urlaub gemacht und manchmal Geld verdient. Der eigene berufliche Weg bleibt in einem unbestimmten Zustand zwischen Spaß und Ernst, zwischen Ausprobieren und Schuften.

Doch die Zeit der Praktika ist nicht eine Art beruflicher Pubertät, in der man alles mögliche probiert, um sich selbst zu finden. Praktika sind ebenfalls nicht dafür da, die Zeit bis zum richtigen Beruf totzuschlagen. Praktika sollten Teil eines Plans sein. Denn wer morgen einen guten Job bekommt, hat heute eine gute Strategie gehabt. Selbst glückliche Zufälle sind beim näheren Hinsehen oft gar nicht so zufällig. Denn das Glück ist fast immer mit den Tüchtigen: Dass man auf einer Konferenz jemand „zufällig“ kennen gelernt hat, setzt voraus, dass man auf der Konferenz war. Dazu gehört, dass man weiß, was man erreichen will. Sonst weiß man nicht, auf welche Konferenz man fahren soll.

1 brand eins, 7/2005, S. 17
2 Süddeutsche Zeitung, 17.11.2005, S. 4


Sie können das Buch hier bestellen oder im Buchhandel kaufen (ISBN 3453670132, Heyne Verlag)

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