Von der Sekretärin zur Sportlehrerin

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Von der Sekretärin zur Sportlehrerin: Anja aus Albstadt

Endlich … endlich wollte Anja einen Job, der Spaß macht. Schon seit Jahren hielt man sie in einem Büro gefangen. Tabellen anlegen, Rechnungen kontrollieren, Kaffee kochen, nett sein. Doch welcher Beruf könnte viel besser zu ihr passen? Und wie funktioniert so ein Berufswechsel?

Die erste Bestandsaufnahme im Berufsfindungsseminar: Anja fährt Mountainbike beim TSV Benzingen, fährt im Winter Ski und Snowboard und geht gerne schwimmen und laufen. Was könnte man beruflich daraus machen? Wie ließe sich mit dem Spaß am Sport Geld verdienen? Anja beschließt im Berufsfindungsseminar, den alten Beruf und das Sekretärinnendasein an den Nagel zu hängen und Sportlehrerin zu werden. Beziehungsweise … zunächst einmal fährt sie deprimiert nach Hause. Sie hat kein Abitur, das Ziel scheint unendlich weit weg.

Doch es gibt Licht am Horizont der Berufsfindung: Das Pädagogische Fachseminar Kirchheim unter Teck bietet eine Fachlehrer-Ausbildung für Leute mit Mittlerer Reife, abgeschlossener Ausbildung und Berufserfahrung. Auf diese Karte setzt Anja ihren Berufswechsel.

Erste Hürde ist eine Prüfung in Allgemeinbildung und Deutsch. Anja kauft sich Bücher und CDs, paukt Fragen wie „Warum ist der Himmel blau?“, „Wie viele Staaten hat die UNO?“, „Wer war der erste Bundespräsident der BRD?“

Nachdem sie wochenlang auf ihr Test-Ergebnis wartet, ist eines Tages die Zulassung zur nächsten Prüfung in der Post. Jetzt geht’s für die Berufswechslerin um Sport: Bodenturnen, Geräteturnen, Ballspiele, Schwimmen. Manchmal mietet Anja nach der Arbeit eine Turnhalle und macht sich ans Training. Manchmal kratzt sie im Winter auf dem Spielplatz das Eis von der Stange, um zwischendurch ihre Reckübungen zu machen. Manche Übungen lernt sie aus dem Internet, andere kann ihr Freund ihr beibringen. Auch er wartet dringend darauf, dass Anja mehr Spaß hat im Job und aufhört mit schlechte Laune züchten.

Der Berufswechsel nimmt Fahrt auf: In der nächsten Prüfung geht es um ihr zweites Fach: Wirtschaft und Technik. Sie muss wissen, was der Unterschied zwischen einer AG und einer GmbH ist, wie ein Transistor funktioniert oder was der kleine Stromkreis ist. Auf der Internetseite der Hochschule gibt es immerhin Hinweise zur Prüfungsvorbereitung.

Anja besteht auch diese Prüfung, wird zum Vorstellungsgespräch geladen und erhält ein knappes Jahr nach dem Berufsfindungsseminar die Zusage für ihren Ausbildungsplatz zur Fachlehrerin. Ein Job, der zu ihr passt – im Gegensatz zum Sekretariat. Das Glück ist auch in der Berufsfindung meistens mit den Tüchtigen.

Sie kündigt ihren alten Job als Sekretärin. Ihre Freunde und Freundinnen schenken ihr Schultüte, Schlampermäppchen und Nilpferdradiergummi zum Semesterbeginn. Anja gibt ihre Wohnung auf und zieht mit Mitstudenten in eine 4er WG (ein nicht mal so seltener Schritt für einen Berufswechsler).

Zu Beginn stehen Kommunikation, Präsentieren, Stimmeinsatz und Erlebnispädagogik auf dem Stundenplan. In einer Lernwerkstatt probieren sich die angehenden Lehrer in verschiedenen Unterrichtsformen aus. Anja ist 33 Jahre alt, ihre Mitstreiter zwischen 22 und 49. Sehr bald gibt es auch die ersten praktischen Erfahrungen: Anja gestaltet eine eigene Unterrichtsstunde an einer Realschule. Danach ist die Berufswechslerin sicher: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens!“

Ein paar Wochen später kommt noch eine Mail an die Berufsberaterin: „Nur kurzes Update von mir: Mir geht es SUUUUPER!!!! Das Unterrichten macht absolut Spass!!!“ Dem ist aus Berufsberaterinnensicht nichts hinzuzufügen.